Vom Einzelarzt zum Gesundheitsunternehmen: Arzthaftpflicht im Strukturwandel

Früher war alles besser? Oder: Ist heute die Zeit, von der wir später behaupten, früher war alles besser?
Ja, manches war tatsächlich einfacher oder zumindest übersichtlicher: Es gab die Einzelpraxis und die Gemeinschaftspraxis. Und es gab ambulant tätige Ärzte und Belegärzte.
Es sind zwei Ärzte von hinten zu sehen, während eine Krankenschwester in blauer Arbeitskleidung an einem Tresen lehnt und beiden etwas erklärt, während sie mit den Händen gestikuliert
Dann setzte in den 1990er Jahren die Ambulantisierung ein und mit der Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) im Jahr 2004 (im Rahmen des GKV-Modernisierungsgesetzes) kam eine Vielfalt von Veränderungen in Gang. Ziele der „Erfindung“ waren dabei sowohl die Förderung der Ambulantisierung, die bessere Verzahnung zwischen ambulantem und stationärem Sektor, die Förderung interdisziplinärer Zusammenarbeit, aber ganz bewusst auch ein gewünschter Wettbewerb im ambulanten Bereich. Die Gründung von MVZ startete zunächst eher zögerlich, Ende 2004 gab es gerade mal 70 MVZ.
Nach Aufhebung der Vorgabe, dass ein MVZ mehrere Fachdisziplinen umfassen muss im Jahr 2015 (GKV-Versorgungsstärkungsgesetz), zündete dann die Expansionswelle: In Deutschland gibt es aktuell 5.085 MVZ im Bereich Humanmedizin (Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV)) und 1.600 MVZ im Bereich der Zahnmedizin (Quelle: Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV)) - Tendenz steigend für beide Disziplinen. Die Rechtsform der GmbH hat sich dabei durchgesetzt und ist die häufigste gewählte Form. Mittlerweile sind in MVZ im Bereich der Humanmedizin rund 32.000 Fachärzte tätig (Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV)).
HDI war dabei einer der ersten Versicherer, der eine spezielle Absicherung für MVZ entwickelte und hat das Produkt mit dem Tarif-Update in 2023 nochmals verfeinert: Zwischenzeitlich unterscheiden wir nur im Tätigkeitsumfang und -spektrum, nicht jedoch in der Funktion, ob ein Arzt Inhaber oder Angestellter des MVZ ist. Das vereinfacht die Eindeckung extrem, Anpassungen beim Wechsel dieser Funktion entfallen.
Die Anforderungen an den Berufshaftpflichtversicherer stiegen dabei analog zu den Entwicklungen im niedergelassenen Bereich. So ist die Einzelpraxis zwar erstaunlicherweise nach wie vor die häufigste Wahl bei den Neuniederlassungen (Quelle: apoBank und Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung), gleichwohl entstehen parallel immer größere Praxiseinheiten, Kooperationen und Großkonstrukte. Zunehmend wird zudem über investorgeführte MVZ und deren Bedeutung für die ambulante Versorgung diskutiert. Eine einheitliche und belastbare Gesamtstatistik zu ihrer Zahl liegt bislang jedoch nicht vor.
MVZ haben sich von einer Randerscheinung zu einer festen Größe in der ambulanten Versorgungslandschaft entwickelt. Vor dem Hintergrund, dass junge Ärzte tendenziell die Anstellung einer freiberuflichen Tätigkeit vorziehen, sind MVZ als Arbeitgeber eine attraktive Alternative zum Klinikbetrieb, weil sie häufig planbarere Arbeitszeiten und Beschäftigungs-modelle ohne eigenes wirtschaftliches Niederlassungsrisiko bieten.
Neben den MVZ gibt es auch eine Vielzahl von Großpraxen in Form einer GbR, PartG oder – begrenzt auf wenige Bundesländer - PartGmbB, die sich etabliert haben. Oftmals konzentrieren sich die einzelnen Fachärzte innerhalb der Praxis auf bestimmte Spezialgebiete, so dass in einem Haus das volle Spektrum mit gleichzeitig hoher Konzentration und Spezialisierung auf den jeweiligen Schwerpunkt (z.B. Knie, Schulter, Hüfte, Wirbelsäule) besetzt werden kann. Sehr hohe Expertise wird gebündelt in einer Praxis, personell vernetzt und hochspezialisiert. Auch diese Unternehmen, die meist technisch top ausgestattet sind, expandieren – oft in Form von Überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaften (ÜBAG) - und versorgen so eine ganze Region.
Bei allen größeren Konstrukten kommt es – entgegen einer Einzelpraxis mit einem festen Arzt als Ansprechpartner – regelmäßig zu einer Behandlungskette durch mehrere Ärzte, was die Anforderung an eine gute Abstimmung, Dokumentation und Sicherstellung verbindlicher Behandlungspfade erhöht. Für den Arzthaftpflichtversicherer wird dadurch die Prüfung des Behandlungsverlaufs und der Verantwortlichkeiten komplexer, insbesondere vor dem Hintergrund wechselnder Personen und Behandlungskaskaden in den Großpraxen sowie der Spätschadenproblematik (Schäden werden erst zeitversetzt, teilweise Monate oder Jahre nach der Behandlung gemeldet).
Eine horizontale Arbeitsteilung, etwa zwischen Voruntersuchung, Aufklärung, Operation und Nachsorge, kann das Risiko von Kommunikations- und Übergabedefiziten erhöhen und birgt eine Erhöhung der Fehleranfälligkeit. Zudem ist das Risiko eines Kumulschadens bei großen Einheiten erhöht, wenn derselbe organisatorische, technische oder personelle Fehler mehrere Patienten betrifft.
Der Strukturwandel verändert das Arzthaftungsrisiko insofern nicht nur quantitativ, sondern vor allem organisatorisch: Behandlung, Verantwortung und Dokumentation verteilen sich zunehmend auf mehrere Personen und Standorte.

Spezialisierung prägt auch den Klinikbereich

Die Transformation der Versorgungslandschaft endet nicht an der Grenze zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Auch im Klinikbereich entstehen stärker spezialisierte Einheiten, neue Kooperationen und veränderte Anforderungen an den Versicherungsschutz.
Neben den MVZ bietet HDI auch die Absicherung für Kliniken bis zu einem Umsatz von 100 Mio. Euro an. Großkliniken, Unikliniken, Klinikketten und internationale Konzerne werden dabei von unserer Schwestergesellschaft, der HDI Global SE versichert.
Wir bei HDI Deutschland konzentrieren uns auf Kliniken, die den ambulanten Bereich ergänzen und zu unserer sonstigen Bestandszusammensetzung passen.
So ergänzen
  • Rehakliniken,
  • Belegkliniken,
  • Praxis- und Tageskliniken sowieFachkliniken aus allen Fachgebieten, wie Orthopädie, Neurochirurgie, HNO, Innere Medizin, Geriatrie oder Psychotherapie und Psychosomatik
unser Portfolio.
Kliniken mit Notfallambulanz oder mit aktiver Geburtshilfe gehören nicht zum Zeichnungsprofil von HDI Deutschland.
Im Rahmen der Krankenhausreform wird es bei den Kliniken zu deutlich stärkeren Spezialisierungen kommen. Damit ist die Erwartung verbunden, dass Mindestmengen, routinierte Abläufe und höhere Fallzahlen die Prozesssicherheit erhöhen und damit die Fehlerquoten sowie die Behandlungsqualität für die Patienten verbessern.
Die Spezialisierung findet sich auch bei HDI: Im Klinikbereich profitieren die Kunden von einer engen Abstimmung zwischen den Ansprechpartnern im Fachbereich, Vertrieb und Underwriting sowie Schaden, wobei die Kollegen alle konzentriert im Bereich Heilwesen tätig sind. Kunden aus diesem Segment werden bei uns individuell betreut und begleitet.
Eckige Sprechblase mit Textzeilen
Fazit
Der Wandel der Versorgungsstrukturen schafft neue Chancen, aber auch neue Schnittstellen und Verantwortlichkeiten.
Entscheidend ist deshalb ein Versicherungsschutz, der nicht an überholten Praxisbildern festhält, sondern den tatsächlichen Strukturen und Behandlungsabläufen folgt. Genau hier setzt HDI mit seiner Spezialisierung im Heilwesen an.
Annette Dörr, Dipl.-Betriebswirtin (BA), HDI
Ärztin steht in einem Beratungszimmer und schreibt auf ein Klemmbrett
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