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HDI Medletter September 2017 Aerztemangel

Noch Ende der 1990er-Jahre warnten Gesundheitspolitiker vor einer „Ärzteschwemme“. Und auch heute steigt die Zahl der Ärzte weiter – erst vor Kurzem hat die Bundesärztekammer einen neuen Rekordstand gemeldet: Im Jahr 2016 waren in Deutschland mit 378.607 Ärztinnen und Ärzten 7.305 mehr als im Vorjahr tätig (vgl. Ärztestatistik der Bundesärztekammer zum 31. Dezember 2016). Doch der Zuwachs bezieht sich vor allem auf Mediziner im Krankenhaus und auf Fachärzte.

„Wer nur die leicht steigenden Arztzahlen betrachtet, verschließt die Augen vor der ganzen Wahrheit. Tatsächlich öffnet sich die Schere zwischen Behandlungsbedarf und Behandlungskapazitäten immer weiter. Schon heute klaffen bei der ärztlichen Versorgung in vielen Regionen große Lücken.“ So kommentiert Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), die Ärztestatistik für das Jahr 2016.

Vor allem ländliche strukturschwache Regionen gelten als medizinisch unterversorgt. Aber auch in vielen Großstädten gibt es immer mehr Stadtviertel, in denen weniger Hausärzte arbeiten als eigentlich benötigt werden. Und dies wird sich kurz- und mittelfristig auch nicht ändern – denn eine Trendwende ist nicht in Sicht: Über 18.000 Hausärzte werden in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen, sofern man das übliche Rentenalter von 65 Jahren zugrunde legt.

Und die Nachfolge gestaltet sich häufig schwierig. So gab es zum Ende  des Jahres 2016 bundesweit 2.727 unbesetzte Praxen, berichtet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und prognostiziert einen weiteren Rückgang um rund 10. 000 Hausärzte bis zum Jahr 2030 – und das bei einer immer älter werdenden Bevölkerung. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Budgetierung, zunehmende Bürokratisierung, Stadtviertel mit schwieriger Sozialstruktur in den Ballungsräumen und eine schwache Infrastruktur auf dem Land gehören dazu. Gleichzeitig hält der Trend – vor allem unter jungen Medizinern – zu Anstellung und Teilzeit an (HDI MedLetter April 2017: „Eigene Praxis? Viele Mediziner bevorzugen Anstellung und Teilzeit“).

Außerdem schließen viele Ärzte ihre Aus- und Weiterbildung nicht in den Fachgebieten ab, die für eine flächendeckende ambulante Versorgung der Bevölkerung benötigt werden. Von den Medizinern, die eine Facharztprüfung ablegen, haben sich in den vergangenen Jahren rund 90 Prozent für Spezialgebiete wie Chirurgie, Orthopädie oder auch Gynäkologie entschieden; für die Prüfung zum Facharzt für Allgemeinmedizin hingegen nur etwa ein Zehntel der Nachwuchsmediziner. Nach Meinung der Berufsverbände müsste der Anteil der Allgemeinmediziner aber doppelt so hoch sein, um den Bedarf zu decken.

Die Folgen: lange Anfahrtswege, überfüllte Praxen, endlose Wartezeiten für die Patienten und überarbeitete Ärzte und Mitarbeiter. Und immer häufiger werden Patienten wegen Überlastung abgewiesen.


Praxishinweis

Ärzte dürfen Patienten wegen Überlastung abweisen. Aber: Egal, wie voll die Praxis ist und wer anfragt – in Notfällen muss der Arzt eingreifen. Tut er dies nicht, verstößt er nicht nur gegen ärztliches Standesrecht, sondern kann sich auch wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen. Ob ein Notfall vorliegt, lässt sich am besten durch eine persönliche Untersuchung abklären. Deshalb sollten Akutpatienten mit ernst zu nehmenden Beschwerden schnellstmöglich behandelt werden. Keinesfalls sollten diese Patienten durch die Mitarbeiter in der Praxis ohne Kontaktaufnahme mit dem Arzt abgewiesen werden.

Darüber hinaus ist gerade in stark frequentierten Praxen eine gute Organisation erforderlich. Wenn Patienten lange warten müssen, sorgt das nicht nur für Unmut im Wartezimmer. Es kann auch rechtliche Folgen haben. Führen übermäßig lange Wartezeiten bei Patienten zu gesundheitlichen Schäden, kommt nämlich eine Haftung des Arztes wegen Organisationsverschuldens in Betracht.  

Abgesehen von einer Notfallsituation ist allen von einer regionalen Unterversorgung betroffenen Ärzten zu empfehlen, keine Verpflichtungen zu übernehmen, die sie nicht erfüllen können. In diesen Fällen sollte dem Patienten umgehend mitgeteilt werden, ihn medizinisch nicht versorgen zu können. Der Patient ist dann an einen anderen geeigneten Ansprechpartner (Fachkollegen, Notarzt oder das nächste Krankenhaus) zu verweisen.

Autor:
Rechtsanwalt Mark Hesse, HDI Versicherung AG, Hannover


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