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Ich sitze nur auf der Bank

„Ich sitze nur auf der Bank“ und „Ich mache da nicht viel“ sind typische Aussagen der Ärzte, die die Betreuung von Profi-Sportlern oder einer ganzen Mannschaft übernehmen. Aber steckt nicht doch mehr dahinter?


Umfangreiche Aktivitäten in allen Sportarten

Die DFB-Auswahl tritt zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien in den Vorrundenspielen im heißen Nordosten an: gegen Portugal in Salvador, gegen Ghana in Fortaleza und gegen die USA in Recife. „Eine WM der Strapazen”, hat Bundestrainer Joachim Löw angesichts der verschiedenen Klimazonen und der weiten Entfernungen prophezeit. Schwerstarbeit nicht nur für die 32 Mannschaften, sondern auch für die „Teams hinter den Teams“, wie die medizinischen Abteilungen.

Passend zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien widmen wir uns einem Thema, das von den Ärzten und Physiotherapeuten, die die Sportler betreuen, oftmals nicht beachtet wird.

Die Sportwelt in Deutschland ist sehr vielfältig und so gibt es auch unzählige Bundesliga- und Nationalmannschaften, deren Sportler von Ärzten betreut werden. Von den Skispringern über Fußballer, Tennisspieler, Radfahrer, Bobfahrer, Eishockeyspieler bis hin zur Betreuung eines ganzen Boxstalles gibt es viele Ärzte (und auch Physiotherapeuten), die einen Betreuungsvertrag mit dem Verein oder Verband geschlossen haben.

Im ersten Moment scheint dies recht harmlos und wenig abweichend von der „normalen“ Tätigkeit in der Praxis oder im Krankenhaus. Für den Haftpflichtversicherer steckt aber mehr drin:

  • Zum einen sind die zu betreuenden Sportler von der Gesundheit ihres Körpers abhängig, um ihren Beruf ausüben zu können. Der Körper und dessen Funktionsfähigkeit sind ihr „Kapital“ und elementar wichtig. Ein Fehler in der Behandlung, der für einen Nichtsportler nur eine Einschränkung bedeuten würde, heißt für den Sportler im schlimmsten Falle berufsunfähig zu werden.
  • Gleichzeitig sind – beispielsweise im Fußball, beim Eishockey, Handball, aber auch beim Boxen oder Tennis – hohe Jahreseinkommen möglich, die an die Deckungssumme des gesamten Haftpflichtvertrags heranreichen können. Schon ohne die Zahlung eines Schmerzensgeldes kann so der Ausgleich der Berufsunfähigkeit bereits die volle Deckungssumme „auffressen“.
  • Wenn dann auch noch Sponsorenverträge im Spiel sind, die – weil die sportliche Karriere aufgegeben wird – verloren gehen, ist schnell eine hohe Summe im Bereich des Vermögenfolgeschadens erreicht.
  • Hinzu kommt eine hohe Pressewirksamkeit bei einer unterstellten Falschbehandlung. Die Presse hat aus sich heraus schon ein Interesse an der Story. Die Sportler verfügen über die entsprechenden Kontakte, um ggf. Aufmerksamkeit zu erlangen und öffentlich Druck auf einen Arzt und dessen Berufshaftpflichtversicherer zu machen.

    So populär man als Arzt durch die Betreuung z. B. einer Bundesliga-Mannschaft werden kann, genauso schnell rückt man auch in den Fokus der Öffentlichkeit, wenn ein vermeintlicher Behandlungsfehler vorliegt.

  • Neben der ärztlichen Betreuung bei akuten Verletzungen ist der Arzt auch im Vorfeld bei der medizinischen Betreuung der einzelnen Spieler elementar wichtig. So gehören zum Aufgabengebiet meist auch die Einhaltung der Doping-Richtlinien, die Entscheidung, einen Spieler nicht spielen zu lassen/einen Fight abzubrechen, die Rehabilitationsbegleitung und Koordination nach Verletzungen. All dies birgt mögliche Angriffspunkte bei Fehlern durch den Arzt.
  • Ein weiterer Punkt ist die Begleitung der Sportler ins Ausland. Oftmals werden in der Vorbereitungszeit Trainingslager außerhalb Deutschlands abgehalten und bei europäischen Turnieren oder gar Weltmeisterschaften finden die Behandlungen regelmäßig im Ausland statt.

Rechtliche Beziehung zwischen Arzt und Sportler

Zwischen Mannschaftsarzt und Sportler besteht – bei einem zum Zeitpunkt der Behandlung ansprechbaren Sportler – normalerweise ein (stillschweigend geschlossener) Behandlungsvertrag als Fall des Dienstvertrags (§ 630a BGB).

Der Behandlungsvertrag verpflichtet den Arzt, die versprochene Behandlung zu erbringen, und zwar „nach den zum Zeitpunkt der Behandlung bestehenden, allgemein anerkannten fachlichen Standards“. Dabei sind die Besonderheiten der Sportmedizin und der jeweiligen Sportart zu berücksichtigen. Eine Behandlung umfasst dabei Untersuchung, Anamnese, Aufklärung, Diagnose und Therapie.


Haftung des Arztes gegenüber dem Sportler

Die Haftung des Arztes, der als Mannschaftsarzt für Spitzensportler im Einsatz ist, beurteilt sich grundsätzlich nach allgemeinen Regeln: Hat er seine Aufgabe sorgfältig und nach den Regeln der ärztlichen Kunst ausgeübt? Hat er seine Aufklärungspflichten gegenüber dem Patienten und seine beruflichen Sorgfaltspflichten erfüllt?


Behandlungsfehler

Der – vermeintliche – Behandlungsfehler ist neben der Aufklärungspflichtverletzung der Hauptanknüpfungspunkt. Unter einem Behandlungsfehler versteht man das – nach dem Stand der Medizin – unsachgemäße und schädigende Verhalten eines Arztes, das sowohl in einem aktiven Tun als auch in einem Unterlassen liegen kann.

Dabei kann der Fehler rein medizinischen Charakters sein, sich auf organisatorische Fragen beziehen, oder es kann sich um Fehler nach geordneter oder zuarbeitender Personen handeln.

Auf den Mannschaftsarzt übertragen, ergibt dies exemplarisch:

  • Der Arzt erkennt eine Verletzung/Erkrankung des Sportlers nicht und schickt ihn (nach einer kurzen Untersuchung) wieder in den Wettkampf oder das Training zurück.
  • Er schickt den Sportler lediglich in die Kabine oder nimmt ihn nur aus dem Spiel, ohne die sofortige Einweisung ins Krankenhaus anzuordnen.
  • Er verwendet entgegen aller ärztlichen Standards bei einer Verletzung eine Medikation, die beim Sportler zu einer Verschlimmerung führt.
  • Er verabreicht dem Sportler – ohne dessen Wissen – ein nach Anti-Doping-Bestimmungen verbotenes Medikament.

Praxisbeispiele aus der jüngeren Vergangenheit

Fall 1

Seit dem Jahr 2008 klagt ein ehemaliger Fußballspieler gegen zwei Mediziner und zwei Reha-Einrichtungen des Bundesliga-Clubs, für den er bis 2008 gespielt hatte.

Er wirft den Ärzten – darunter dem Teamarzt – vor, seine Nierenerkrankung nicht erkannt und ihn falsch behandelt zu haben. Seit seiner Einstellung bei dem Verein im Mai 2001 seien bei den regelmäßigen Untersuchungen seine schlechten Nierenwerte nicht erkannt worden, so der Vorwurf des Sportlers. Zudem hätten verabreichte Schmerzmittel seine Krankheit verschlimmert. In der Folge seien zwei Nierentransplantationen im Jahr 2007 erforderlich gewesen. Die Ärzte bestreiten den Vorwurf.

(Zu möglichen Behandlungsfehlern s. auch Artikel „Aus der Schadenpraxis: Keine Haftung des Mannschaftsarztes trotz groben Behandlungsfehlers“)

Aufklärungspflichtverletzung

Neben der Pflicht des Arztes, seine Patienten sorgfältig zu behandeln, hat er auch die Pflicht, den Patienten vor jedem Eingriff umfassend aufzuklären. Eine umfassende Aufklärung beinhaltet, dass der Mediziner mit dem von ihm zu behandelnden Patienten die Diagnose(n), sämtliche Risiken und Nebenwirkungen, sowie Vor- und Nachteile der Behandlungsmethode, aber auch Behandlungsalternativen bespricht.

Bei der Verordnung von Medikamenten gehört zur Aufklärung über mögliche Wirkungen und Nebenwirkungen als Mindestinformation der Inhalt des vom Hersteller mitgelieferten Beipackzettels.

Bei der Betreuung von Sportlern können sich folgende Besonderheiten ergeben:

  • Wenn der Sportler zusammengebrochen oder bewusstlos ist, gibt es keine Aufklärungsverpflichtung für den Arzt, weil dem Sportler die sogenannte Einwilligungsfähigkeit fehlt. Hier gilt der mutmaßliche Wille des Verletzten.
  • Ist der Sportler ansprechbar, sollte der Arzt mit ihm über mögliche (Behandlungs-)Alternativen – etwa Kabine oder sofortige Krankenhauseinweisung – reden und sich mit ihm einigen.
  • Geht es um die Frage, wieder in das Spiel oder das Training einzugreifen, dann hängt die Entscheidung auch zum großen Teil vom Sportler selbst ab.
  • Für den Fall, dass der Sportler aus Unvernunft und zu großem sportlichen Ehrgeiz durch einen Einsatz seine Gesundheit gefährden könnte, muss der Arzt ein „Machtwort“ sprechen.
  • Bedeutung gewinnt die Aufklärungspflicht des Mediziners auch dann, wenn der Sportler selbständig Dopingsubstanzen nimmt und der Arzt dies erfährt: Er ist dann verpflichtet, den dopenden Sportler über die möglichen Folgen seines Handelns aufzuklären.

Fall 2

Der Handballprofi war Mitglied der Weltmeistermannschaft im Jahr 2007. Vor einem Test-Länderspiel der Nationalmannschaft im April 2012 hatte ihm der Mannschaftsarzt der deutschen Nationalmannschaft in einem Hotelzimmer eine Kortisonspritze verabreicht.

Die Einstichstelle entzündete sich, der Spieler bekam durch eine bakterielle Infektion hohes Fieber. Dreimal musste er an der entzündeten Ferse operiert werden.

Kernfrage des Prozesses vor dem Landgericht Flensburg: Ist der Sportler korrekt über die Risiken einer solchen Behandlung aufgeklärt worden?

Zu einem Urteil kam es nicht. In der Güteverhandlung einigten sich die Parteien auf die Zahlung einer Summe, über die Stillschweigen vereinbart wurde.

Umfang des Schadenersatzes

Hat der Arzt schuldhaft gehandelt, stehen dem geschädigten Sportler Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüche zu.

Bei Breiten- und Freizeitsportsportlern haben wir es beim Schadenersatz in erster Linie mit Behandlungskosten zu tun, die aus gesundheitlichen Schäden resultieren.

Im Spitzensport können zusätzlich Vermögensschäden aufgrund entgangener Gehälter, Antrittsgelder und Siegprämien durch Wettkampfsperren sowie aufgrund gekündigter oder nicht zustande gekommener Sponsorenverträge in nicht unbeträchtlicher Höhe infrage kommen:

  • So verlangt der ehemalige Fußballprofi Ersatz für entgangenen Gewinn – Prämien und Gehalt für ein Jahr – von 1.000.000 EUR und Schmerzensgeld von 100.000 EUR. Im April 2009 hatte er einen Vergleichsvorschlag von mehr als 350.000 EUR abgelehnt.
  • Der Anwalt des Handballprofis forderte ein Schmerzensgeld von 50.000 EUR und Schadenersatz für mögliche Spätfolgen, der Streitwert betrug 480.000 EUR.

(Zur möglichen Höhe des Schadenersatzes s. auch Artikel „Aus der Schadenpraxis: „Keine Haftung des Mannschaftsarztes trotz groben Behandlungsfehlers“)


Rechtliche Beziehung zwischen Arzt und Verein bzw. Verband

Die Sportler betreuenden Ärzte sind nur in Ausnahmefällen beim Verein oder Verband angestellt, in der Regel arbeiten sie in ihrem Hauptjob als Klinik- oder niedergelassene Ärzte.

Bei den Vereinbarungen zwischen Ihnen und dem Verein/Verband handelt es sich normalerweise um einen Dienstvertrag. Aufgabe des Arztes ist es dabei, die Spieler sportmedizinisch im Bereich der jeweiligen Fachrichtung (z. B. Orthopädie oder Innere Medizin) diagnostisch und therapeutisch zu betreuen.


Haftung des Arztes gegenüber dem Verein/Verband

Sofern ein Vertrag zwischen dem Arzt und dem Verein/Verband geschlossen worden ist, können sich Ansprüche gegen den Arzt vor allem aus einer schuldhaften Verletzung von Haupt- oder Nebenpflichten des Vertrages ergeben.

Auch hier kommt ein Schaden in Betracht: neben nicht zustande gekommener Sponsorenverträge o. Ä. vor allem der Ausfall des Spielers als Arbeitnehmer.

Hier gelten bei Profisportlern grundsätzlich keine anderen Regeln als bei anderen Arbeitnehmern. Wie andere Arbeitgeber auch, sind die Vereine grundsätzlich sechs Wochen lang verpflichtet, das Gehalt eines Spielers weiterzubezahlen, obwohl er nicht einsatzfähig ist (§ 3 Entgeltfortzahlungsgesetz, (EFZG). Dabei ist üblich, dass verletzten Spielern auch die Punktprämien von den Vereinen ausgezahlt werden. Häufig sind jedoch auch längere Zeiträume als die gesetzlichen sechs Wochen vereinbart:

Nach der Weltmeisterschaft 2010 stritten sich ein Bundesligaverein und ein europäischer Fußballverband öffentlichkeitswirksam um die Lohnfortzahlung für einen verletzten Spieler. Dieser war verletzt von der WM zurückgekehrt.

Der Verein ging davon aus, dass Behandlungsfehler der Teamärzte der Nationalmannschaft vorlagen und während der WM zu einer schweren Verletzung (Muskelriss im linken Oberschenkel) geführt hatten.

Im Zuge der Auseinandersetzung wurde bekannt, dass der Verein dem Spieler vertraglich zugesichert hatte, im Verletzungsfall drei Monate lang das volle Gehalt zu zahlen. Der Spieler, der nach Medienberichten damals täglich fast 11.000 EUR erhielt (Anmerkung der Verfasser: Heute soll es noch bedeutend mehr sein!), fiel für die gesamte Hinrunde der Saison 2010/11 aus.

Wie sieht der Deckungsschutz aus?

Solche Betreuungsverhältnisse fallen nicht automatisch in den Versicherungsschutz für einen niedergelassenen Arzt – und auch der Deckungsschutz für eine Tätigkeit im Ausland ist nicht selbstverständlich.

Für den Versicherer ist für die Risikobewertung entscheidend, ob der Arzt nur die Erstversorgung auf dem Platz/am Spielfeld/im Ring vornimmt oder ggf. auch die weitere operative Versorgung der Spieler selbst übernimmt. Dies erhöht das Risiko nochmals.

Aber auch Ärzte, die nicht am Spielfeldrand sitzen, sondern z. B. im Vorfeld die sportliche Tauglichkeit, die Blutwerte sowie die allgemeine Leistungsfähigkeit untersuchen (meist Fachärzte für Innere Medizin/Kardiologie), sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt.


Fazit

Vor dem Hintergrund dieser Punkte ist auf jeden Fall der Versicherer über besondere Betreuungsverhältnisse zu informieren und eine Einigung zu erzielen, in welcher Form eine Mitversicherung möglich ist. Eine Deckungssumme von 5 Millionen EUR sollte hier das Minimum sein, empfehlenswert ist eine Deckungssumme von 7,5 Millionen EUR. Dies gilt neben den Ärzten analog auch für Physiotherapeuten.

Autoren:
Dipl.-Betriebswirtin (BA) Annette Dörr, HDI, Saarbrücken
Rechtsanwalt Mark Hesse, HDI, Hannover


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