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Keine Haftung des Mannschaftsarztes trotz groben Behandlungsfehlers – Profifußballer verweigert dringend empfohlene Behandlung: Die Haftung eines Arztes kann trotz einer fehlerhaften medizinischen Behandlung ausgeschlossen sein, wenn der Patient anschließend die dringend empfohlene fachgerechte Behandlung durch einen anderen Arzt verweigert. Dies hat das Oberlandesgericht (OLG) Koblenz entschieden.


Sachverhalt

Ein Berufsfußballer wurde bei einem Zweikampf von einem Gegenspieler durch dessen Schneidezähne am rechten Knie verletzt. Der Mannschaftsarzt übernahm die Erstversorgung in der Mannschaftskabine: Er desinfizierte die Bisswunde im Bereich des Knies bei sparsamer Wundrandkorrektur und nähte die Verletzung. Danach überwies er den Spieler ins Krankenhaus.

Der dort behandelnde Arzt empfahl dringend, die Naht wieder zu öffnen, den Schleimbeutel zu entfernen und eine antibiotische Therapie vorzunehmen. Obwohl der Patient im Krankenhaus ausdrücklich auf die gesundheitlichen Folgen einer unterbleibenden Weiterbehandlung hingewiesen wurde, wünschte der Patient jedoch nur eine Tetanusprophylaxe – er wollte sich zunächst mit dem Mannschaftsarzt besprechen, da er mit einem mehrwöchigen Ausfall rechnete. Letztlich wurde diese (richtige) Empfehlung nicht umgesetzt.

Der Mannschaftsarzt behandelte den Patienten in seiner Praxis anschließend konservativ weiter. Die Wunde entzündete sich und der Spieler musste mehrere Operationen mit stationären Krankenhausaufenthalten über sich ergehen lassen. Eine Kniegelenksinfektion, die das Knie irreparabel schädigte, beendete schließlich seine Profi-Karriere.


Entscheidungen

Der Spieler klagte vor dem Landgericht Trier gegen den Mannschaftsarzt. Der Kläger warf ihm vor, ihn nicht fachgerecht behandelt zu haben. Die Erstversorgung der Wunde durch Vernähen sei grob fehlerhaft gewesen.

Wegen des bleibenden Schadens verlangte er u. a. Schmerzensgeld in Höhe von 75.000 EUR, eine monatliche Rente von 200 EUR und Verdienstausfall in Höhe von ca. 1.330.000 EUR sowie Anwaltskosten von ca. 12.500 EUR.

Doch damit blieb der Ex-Profi erfolglos. Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Nach ausführlicher Beweisaufnahme hat es einen Behandlungsfehler des Beklagten nicht festgestellt: Die Frage, ob Bissverletzungen offen bleiben müssten oder vernäht werden dürften, sei umstritten – diskutiert werde auch, ob prophylaktisch Antibiotika verabreicht werden sollten. Angesichts dieses Meinungsstreits könne das Behandlungskonzept des Beklagten nicht als fehlerhaft angesehen werden.

Auf die Berufung hat das OLG Koblenz diese Entscheidung im Ergebnis bestätigt. Allerdings sah der Senat in der medizinischen Erstbehandlung einen groben Behandlungsfehler des Mannschaftsarztes. Bissverletzungen durch Menschen oder Tiere könnten sich durch Bakterien entzünden. Daher verbiete es sich, Bisswunden zu vernähen.

Trotzdem lehnte das OLG die Klage des Fußballspielers ab, weil er die vom Klinikarzt empfohlene fachgerechte Nachbehandlung verweigert hatte. Der Kläger wurde im Krankenhaus nachdrücklich darauf hingewiesen, welche gesundheitlichen Folgen ihm drohten, sollte er diese ärztliche Empfehlung nicht annehmen (der Senat sieht eine umfassende und sachgemäße Aufklärung durch den Krankenhausarzt als bewiesen an). Dennoch habe er sich bewusst gegen diese Behandlung entschieden.

Das habe den weiteren Kausalverlauf so gravierend verändert, dass der Fehler des beklagten Mannschaftsarztes bei der Erstversorgung nicht mehr ursächlich für den Dauerschaden am Knie gewesen sei.

Außerdem sieht das Gericht in der Weigerung des Fußballspielers, dem Behandlungsvorschlag des Krankenhauses zu folgen, ein derart überwiegendes Eigenverschulden, das eine Haftung des erstversorgenden Mannschaftsarztes ausschließt.

(Oberlandesgericht Koblenz, Beschlüsse vom 27.06. und 27.08.2012 - 5 U 1510/11).


Fazit

Das OLG Koblenz stellt klar, dass der erstbehandelnde Arzt nicht haftet, da der Patient den Heilungserfolg selbst verhindert hat, indem er dem ärztlichen Rat nicht gefolgt ist.

Hier ist die umfassende Aufklärung des Patienten der „Knackpunkt“ des Prozesses: Es ist wichtig, den Patienten nicht nur über die möglichen Risiken der Behandlung aufzuklären, sondern auch darüber, was passieren kann, wenn die empfohlene Behandlung nicht durchgeführt wird.

Auch dieser Teil der Aufklärung sollte unbedingt schriftlich dokumentiert werden, insbesondere dann, wenn sich abzeichnet, dass der Patient sich gegen den ärztlichen Rat entscheiden will.

Autor
Rechtsanwalt Mark Hesse, HDI Versicherung AG, Hannover


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